Ein Kommentar zu dem italienischen Film «Confidenzia» (Vertrauen), 2024
(This article is in German.) Die Frage Vertrauen hat eine lange Tradition in Italien. Schon Dante (1265-1321) hat die Menschen, die durch Verrat das Vertrauen zerstörten, in die Hölle geschickt. Die Hölle ist übrigens bei Dante nicht eine Stelle des Feuers – Dantes Hölle ist eiskalt. Der Film «Confidenzia» von 2024 ist eine säkulare Erzählung, doch mit viel Symbolik. Diesseitig begegnen wir mehrere Sünder*innen und einer Erlöserin.
Liebe
Der Film gibt uns erst einen sehr unheimlichen Blick in die Zukunft (zu dem komme ich zurück). Dann fängt der Film an seine Geschichte zu erzählen. Wir lernen einen Lehrer kennen und eine hervorragende Schülerin namens Theresa. Wir sind am Ende des Schuljahres und Theresas Klasse schließt das Gymnasium ab.
Eine Beziehung zwischen dem Lehrer und der hervorragenden Theresa entsteht. Zeitlich findet das außerhalb des „Verbotenen“ statt, denn die junge Frau ist eben nicht mehr Schülerin. (Ich habe zwar Kommentare gesehen, die das „nur knapp Außerhalb“ als fraglich einschätzen.)
Der Lehrer, namens Pietro, steigt mittlerweile von der Tätigkeit als Lehrer ins Ministerium für Bildung um (und auf). Er hat seine „Pädagogik der Zuneigung“ zum Konzept gemacht. Das Ministerium mag das Konzept und Pietro.
Mögen wir auch Pietro? Die ehemaligen Schüler*innen mögen ihn jedenfalls. Immer wieder durch den Film tauchen diese auf und loben ihren früheren Lehrer.
Mit oder ohne Sex?
Die Pädagogik der Zuneigung – was bedeutet das eigentlich? Meinerseits bin ich der Meinung, ein Lehrer kann nur gut unterrichten wenn er sein Thema liebt. Im Film sehen wir aber wenig davon, eher geht die Zuneigung Richtung Schüler. Geht es denn um Zuneigung mit oder ohne Sex? Es geht um ohne, denn außer der nur knapp legalen Beziehung zu Theresa sieht es unschuldig aus.
Sonst sagt der Erfinder des Konzepts wiederholt, dass es keine weitere pädagogischen Prinzipien gebe. Ebenso „prinzipienlos“ gehen die Menschen, die wir sonst begegnen, mit Sexualität, Liebe und Ehe um. Unter den Erwachsenen also eher „mit“.
Die Beziehung zwischen Pietro und Theresa endete relativ schnell. Theresa fuhr denn nach USA um Mathematik zu studieren. Pietro neigt jetzt eine Kollegin zu, und kurz danach sehen wir die (zwar mit Nasenbluten). Komischerweise ist auch das Fach der Kollegin, Pietros Ehefrau, Mathematik. Pietro, nun meistens mit Medien und Konferenzen beschäftigt, ist seiner zweiten Mathematikerin untreu. In der Untreue gibt es auch ein Element der «Prostitution», ahnen wir, denn das «Objekt» mit dem Pietro untreu ist, ist die bejahrte Frau des Ministers. Pietros Ehefrau ist ebenfalls ihm gegenüber untreu. Das wird uns durch leicht getarnte Szenen gezeigt. Wir ahnen es, dürfen nur nicht ganz sicher sein.
Von Leicht bis Schwer
Was bisher von Untreue berichtet worden ist, darf wohl heute als «Sünde light» gelten. Es gibt aber im Film auch zwei Schwerfälle.
Wir wissen zwar nicht worum die Schwerfälle konkret gehen. Die Geliebten, Pietro und Theresa, haben zur Zeit der Beziehung sich gegenseitig je ein schlimmes Geheimnis flüsternd anvertraut. Wegen des Flüsterns wissen wir also nicht worum es geht. Wir verstehen aber, dass es um etwas sehr Schlimmes gehen muss, jedenfalls im Fall Pietros. Im weiteren Leben sehen wir wie Pietro fürchtet, dass Theresa sein Geheimnis möglicherweise verraten könnte. Zum Beispiel trifft in seiner Nähe zufällig ein Polizeiaufwand ein. Das bringt ihn zu Schwitzen, obwohl der Aufwand schließlich nichts mit ihm zu tun hat.
Nach und nach ist Pietro berühmt worden. Theresa ist auch eine berühmte Mathematikerin geworden. Die beiden treffen sich wieder.
Die Frage des Bekanntmachens der Geheimnisse steht im Raum. Man könnte sich vorstellen, die Gegenseitigkeit sichert Pietro dagegen, verraten zu werden. Theresa sagt aber: «Ich würde auf die Beine landen, du nicht.» Das klingt glaubwürdig, denn Theresa hat früher eine gewisse «Immunität» gegenüber Meinungen anderer (Eitelkeit) gezeigt.
Theresa äußert weiter überraschenderweise die Meinung, eine Bekanntmachung von Pietros Geheimnis, würde Pietro zurück zu ihr bringen. Wie denn? Vermutlich vertritt Theresa hier Authentizität und Ehrlichkeit. Pietro ist längst aus der fröhlich-praktischen Pädagogik der Zuneigung ausgefallen. Er lebt jetzt ein Leben der Eitelkeit und der Lüge. Hoffnung bestünde nur darin, dass er in (und aus) diesem Leben «stürbe».
Nur durch das Sterben kann neues Leben entstehen. Der Film zeigt mehrmals dass Pietro «stirbt». Schon in den ersten Minuten des Films fällt er aus dem Fenster, oder er gar springt. Das müssen wir als eine «Vor-Zeigung» des benötigten symbolischen „Todes“ sehen. Theresa ist sogar am Fenster dabei und «hilft» Pietro zum Sturz. Somit erlöst sie ihn.
Von Ehrung zu Ende
Im letzten Teil des Films sind wir wieder in der Gegenwart. Pietro soll vom Präsidenten des Landes geehrt werden. Das Geheimnis lauert aber im Hintergrund. Pietros erwachsene Tochter hat aus Liebe zum Vater in aller Stille seinen berühmtesten Schüler, Theresa, aus dem Ausland geholt, um eine Rede Anlass der Ehrung zu halten.
Die Rede fängt an. Erstmal beschreibt Theresa Pietro als «komischer Lehrer». Die Pädagogik der Zuneigung wird vom Piedestal gerissen. Weiter folgt das Geheimnis. Wir hören zwar wieder nicht den konkreten Inhalt. Wir hören nur das laute Schreien der Tochter.
Der notwendige Tod ist eingetroffen.
Die Hölle
Meinerseits finde ich es gut, dass ein zeitgenössischer Film Themen wie Verbrechen, Vertrauen, und (fehlende) Versöhnung angeht. Es ist zwar ein bisschen komisch, dass alle verbrecherischen Geheimnisse auch dem Publikum gegenüber meistens im Schatten bleiben. Auch die relativ kleineren Sünden, z.B.die Untreue von Pietros Ehefrau, werden nur indirekt angedeutet. Sehen wir denn die Wirkungen der Sünden? Nur eigentlich dadurch, dass der Protagonist unbedingt «sterben» muss. Sonst gehen (fast) alle Figuren des Films mit dem Strom der umfassenden, fröhlichen „Zuneigerei“. Keiner ohne der Protagonist erscheint davon betroffen zu sein – unglücklich, deprimiert, schuldbeladen oder Ähnliches. Man kann vielleicht die Verhüllung der konkreten Geheimnisse so verstehen, dass wir heute nicht mal wissen, was richtig und was falsch ist. Wir leben unter der Vorherrschaft des Nihilismus.

Ist der Film gut? Er ist jedenfalls besser, als diejenigen, die nur ironisch bzw. zynisch mit dem moralischen Zustand unserer Gegenwart umgehen. Es ist sowieso nicht so einfach etwas Gutes zu bringen, denn jeder, der sich über Verbrechen, Vertrauen, und Versöhnung äußern will, steht dem vorherrschenden Nihilismus etwas ratlos gegenüber. Was nutzt es sich zu äußern, wenn die moralische bzw. die kulturelle Infrastruktur fehlt? Auch diesseitig kann die (eiskalte) Hölle eintreffen.
Schließlich – warum eine Erlöserin statt eines traditionellen Erlösers? Auf diesem Punkt ist der Film dem Mainstream treu, aber meinerseits bin ich ganz anderer Meinung: Wir brauchen dringend die besten Männer, wir brauchen (noch mehr?) dringend gute Frauen und vor allem brauchen wir eine bessere und nicht-konkurrierende Beziehung zwischen Männern und Frauen.
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